Steppenwolf – Anarchische Abendunterhaltung

Sonntag war Steppenwolf-Tag im Grand théâtre de la ville de Luxembourg. Eindrücke von einem meiner seltenen Theaterbesuche.

2017-03-07 12.11.11 CROP 20pc

Hat’s mir gefallen? Ja. War’s richtig gut? Nicht wirklich. Das Problem: Unterhaltsam ist die Aufführung für all jene, die das Buch – vor nicht allzu langer Zeit – gelesen haben. Wer aber einfach mal via Theaterabend den Steppenwolf beschnuppern will, ist verloren. So ist der Clash über das Goethe-Bild zwar sehr lustig (und mit Goethe-Statue) in Szene gesetzt, dürfte aber für Nicht-Leserinnen und -Leser unverständlich bleiben.

Nur für Verlesene

Als Nacherzählung funktioniert das Stück nicht – dass es besser geht, zeigt die gelungene Hörspielumsetzung aus den 1970ern (die allerdings drei statt anderthalb Stunden dauert). Im Stück werden dem Publikum Textfragmente, oft ohne narrativen Zusammenhang, um die Ohren gehauen. Schon die Einführung des Hauptcharakters ist wenig hilfreich – kaum mehr als ein vorgetragener Buchtext, über mehrere Stimmen verteilt. Das mag weniger langweilig sein als nur einen Erzähler zu haben, wirkt aber vor allem verwirrend.

Staubsauger statt Foxtrott

Bedauerlich auch, dass Harry Hallers innere Entwicklung vom Mozart-Verehrer zum Foxtrott-Tänzer kaum thematisiert und dargestellt wird. Da hätte man lieber auf die amüsante aber konfuse Slapstick-Einlage mit “DDR-Staubsauger” verzichtet. Auch Hermines Rolle fällt im Stück etwas ab gegenüber dem Buch, sowohl aufgrund der szenischen Umsetzung als auch der Besetzung. Hermine als engelhafte Botin der “Unsterblichen”, diese mögliche Deutung der Romanhandlung funktioniert jedenfalls nicht mehr. Überhaupt ist die schauspielerische Leistung eher Mittelmaß – richtig überzeugen können nur Catherine Elsen als Maria und Barbara Ullmann als Tierbändigerin.

2017-03-07 12.12.04 CROP 20pc

“Der Weg in die Unschuld, ins Unerschaffene, zu Gott führt nicht zurück, sondern vorwärts, nicht zum Wolf oder Kind, sondern immer weiter in die Schuld, immer tiefer in die Menschwerdung hinein.” (Traktat vom Steppenwolf)

An Ideen mangelt es der Inszenierung dagegen nicht. Die junge Regisseurin Anna-Elisabeth Frick stellt die gespaltene Persönlichkeit Harry Hallers dar, indem sie ihn von einem Schauspieler und einem Mimen parallel spielen lässt. Die Pantomime- und Tanzeinlagen bieten dem Publikum über den Unterhaltungswert hinaus Zeit zum Atemholen und Nachdenken. Auch die Auftritte des leibhaftigen Goethe haben Drive. Die größte Herausforderung an eine szenische Umsetzung der Romanvorlage – das magische Theater – wird ebenfalls auf sinnvolle Weise angegangen.

Lebensweisheit über Weltweisheit

Alles in allem lohnt es sich, sich das Stück anzusehen (das in Trier nochmal am 15. April aufgeführt wird) – vorausgesetzt, man kennt das Buch.  Gemessen an der Schwierigkeit der Aufgabe, diesen trockenen und zugleich verrückten Roman auf die Bühne zu bringen, ist das Ergebnis korrekt. Die darin enthaltene Lebensweisheit wird stärker gewichtet als die “Weltweisheit” – was meinem derzeitigen Geschmack entgegenkommt. Immerhin finden sich über das Stück verstreut zahlreiche Anspielungen auf tiefere Gedankengänge und Gefühle – aber eben nur Anspielungen.

Für mich liegt in der Inszenierung Potenzial für etwas Schlüssigeres: Hätte sich die Regisseurin konsequenter für eine von der Erzählung losgelöste Umsetzung entschieden – so eine Art “Szenen aus dem Leben des Steppenwolfs” -, das Ergebnis wäre überzeugender ausgefallen.

2017-03-07 12.11.22 CROP 20pc

Advertisements

Wie ist die Lage?

Wie mein woxx-Artikel zum “état de la nation” zustande kam

Alle Jahre wieder und jedes Mal anders. Die Rede zur Lage der Nation bietet immer Gelegenheit für einen “Exercice de style”. Vor der Ära Xavier Bettel habe ich so manche Rede von Jean-Claude Juncker analysiert und kommentiert, und nun schreibe ich schon zum dritten Mal über des blau-rosa-grünen Premierministers Ansprache (nach 2014 und 2015).

Le grand carrousel des partis au Marché de Noël. Notez les figurines rouge et bleue, derrière il y en a aussi une verte et une noire...

Le grand carrousel des partis au Marché de Noël.
Notez les figurines rouge et bleue, derrière il y en a aussi une verte et une noire…

Das ist immer ein bisschen stresssig. Dienstags die Rede anhören, Mittwochs schreiben, denn als Regard darf der Artikel nicht zu spät ins Layout gehen. Die grobe Analyse muss recht schnell erstellt sein, am besten gleich nach dem Anhören. Zum Glück war der Text kurz davor vermailt worden, ich saß zuhause vorm Fernseher, Computer auf’m Küchentisch und konnte so Ideen niederschreiben, Bettels Vortragsweise notieren (diesmal nicht viel zu sagen) und gegebenenfalls mündliche Abweichungen festhalten (anders als bei Juncker, kaum welche). Dieses Jahr habe ich auch nicht versucht, die Reaktionen in und außerhalb der Chamber einzuarbeiten, sondern mich auf den Gesichtspunkt des Regierungschefs konzentriert.

Xavier Bettel und die Steuerreform

Dass Bettels Reden nicht so toll sind wie Junckers beste, ist keine wirkliche Neuigkeit. Dass sie, was die Form angeht, so schlecht nun auch wieder nicht sind, gehört aber hervorgehoben. Darüber hinaus gab es dieses Jahr Inhalt zur Genüge. Die Quintessenz der Steuerreform war bekannt. Wie sie Bettel der Nation präsentiert hat, war dagegen leicht überraschend – von der Absicht her lobenswert, doch angesichts der tatsächlichen sozialen Ausgestaltung auch kritikwürdig.

Bestätigt hat sich, was bereits in den beiden Reden zuvor durchschien: Bettel betont viel stärker den Teamgeist als seinerzeit Juncker – mit einer klaren Rangfolge, die dem arithmetischen Gewicht der Partner entspricht: erst blau, dann rosa, und am Ende ein bisschen grün. Ist das gut oder schlecht? Es ist jedenfalls – so meine Ansicht – nicht das größte Problem, das diese Regierung hat.

Artikel-Link: Lage der Nation -
 Alles was zählt

Núria Rial unplugged

nuria_rial

Nach dem L’Arpeggiata-Konzert in der Philharmonie hatte ich geschrieben:
“Ich [hätte] ihnen hier am liebsten wirklich den Stecker aus dem Verstärker gezogen, um die Verletzlichkeit der Violinklänge und der Stimme wiederzuhaben”. Und einen Wunsch geäußert: “Noch lieber aber würde ich mir anhören, wie Rial, Capezzuto und der harte Kern von L’Arpeggiata Purcell ganz ohne Elektronik interpretieren.” (Was L’Arpeggiata in der Philharmonie mit Alter Musik anstellt und wie aus Purcell Jazz wird)

Heute Abend war die Sopranistin Núria Rial ein weiteres Mal in Luxemburg zu Gast im Rahmen der Rencontres musicales de la Vallée de l’Alzette. Ohne Purcell, ohne Arpeggiata, ohne Capezzuto, in der Steinseler Kirche. Nur Rial, begleitet von Artemandoline, dafür aber völlig unplugged.

Sospiri d’amanti – klassisch und unplugged

Und, wie war’s?
Kein “supreme thrill”, dafür war das Programm zu luftig. Aber: Obwohl die Begleitung der Kantata “Il Giuoco del quadriglio” von Antonio Caldara mir nicht optimal erschien, kam Núria Rials stimmliche Ausdruckskraft mit all ihren Nuancen bei dieser Performance voll zur Geltung. Keine Frage, “Núria unplugged” ist klasse!

Beneidenswert, wer frei davon!

Die LSAP versöhnt sich vorläufig mit dem eigenen S, die Grünen langweilen sich selber, Jeremy Corbyn gewinnt die Wahl zum Labour-Vorsitzenden (und seine Partei verliert damit, so sagt man, die Landeswahlen von 2020) …

Corbyn rockt die LSAP (Montage: woxx)

Sozialisten-Pogo: Corbyn rockt die LSAP
(Montage: Susanne / woxx)

Grund genug, mal wieder über die europäische Linke zu schreiben. Mein Edito für diese woxx-Nummer schneidet den Impakt des Labour-Kurswechsels an und hinterfragt die Entwicklungen in der LSAP – mit einem Seitenhieb auf die Grünen (selber schuld!).

Bewegung in der Linken?
Leichte Brise!

“… In Luxemburg hat ihn offiziell zur seiner Wahl nur „Déi Lénk“ beglückwünscht, seine eigenen sozialdemokratischen Kameraden haben sich nicht gerührt. Symbolwert hat die Wahl aber in jedem Fall: Corbyn steht für alles das, was „Modernisierer“ wie Tony Blair, Gerhard Schröder oder Étienne Schneider hinter sich lassen wollten: Nähe zu den Gewerkschaften, Ablehnung von Privatisierungen, Vertrauen auf keynesianische Wirtschaftspolitik statt Austerität. Außerdem ist der Brite Pazifist, Vegetarier und Radfahrer, der nicht einmal ein Auto besitzt. …”

Susanne war so nett, auf meine Anregung eine lustige Kombination der Logos von Corbyn und LSAP zu photoshoppen – Danke!

Danken möchte ich auch Bert Brecht, aus dessen Salomon-Song ich den Refrain “Beneidenswert, wer frei davon!” übernommen habe (gemeint ist der linke Flügel). Die Ironie sollte sich auch ohne Kenntnis des Songs erschließen, im Zusammenhang mit Brechts verstecktem Sinn darüber nachzudenken lohnt sich trotzdem.

Das linke politische Spektrum in Europa zu analysieren und zu vergleichen, beschäftigt mich schon seit längerem:

Les difficultés de la gauche radicale, entre réforme et révolution

Die Haltung der verschiedenen Parteien zum Fiskalpakt

Die radikale Linke und Europa – zehn Jahre nach dem Referendum
(und meine Rezension von Saschas Buch zum Thema)

Warum Cátia Gonçalves für eine “Soziale Troika” ist (Interview im Vorfeld der Europawahlen)

Recomposition à gauche et attitude envers l’UEM à travers l’Europe

CFL gegen Radfahrer: Auf einem Auge blind?

(Oder: Warum ich überlege, nicht mehr mit dem Rad zur Arbeit zu fahren)

Gestern haben mich drei CFL-Beamten in der Taxi-Einbahn am Südende des Bahnhofs gestoppt, haben verlangt, dass ich mich ausweise und angekündigt, das nächste Mal seien ein Protokoll und ein Punkte-Entzug fällig. Diese Einbahn in Gegenrichtung zu fahren, ist die beste Route, um sich möglichst wenigen Gefahren auszusetzen und andere Verkehrsteilnehmer möglichst wenig zu behindern, wenn man vom Bahnhof in Richtung Bonneweger Brücke fahren will.

Ende des Radwegs (CC)

Ende des Radwegs (CC)

Eine Diskussion mit den Beamten, damit sie ein Auge zudrücken, war nicht möglich. Auf den Hinweis, die Radpiste vor der Post sei gefährlich und höre im Nichts auf, antworteten sie, das sei nicht ihr Problem, hier sei CFL-Terrain, und ich habe schließlich gegen den Code de la Route verstoßen. Letzteres ist natürlich richtig. Aber warum gibt es gegenüber Radfahrern, die unerlaubte aber ungefährliche Dinge tun, nicht die gleiche Toleranz wie gegenüber Auto- und Busfahrern, die sich häufig verkehrswidrig UND gefährlich verhalten. Als Radfahrer und Fußgänger kann ich davon ein Lied singen.

Ein bisschen wütend macht mich das schon, denn am Bahnhof werden fast nie Autos und Busse, die bei Rot durch die Ampel fahren, kontrolliert. Und Busse, die Fußgängerstreifen blockieren, auch nicht. Ich muss jetzt aber damit rechnen, demnächst nochmal ertappt und dann angezeigt zu werden. Traurig ist, dass dies ausgerehnet von den CFL ausgeht, die eigentlich Partner der Radfahrer beim Überwinden des massiven motorisierten Individualverkehrs sein sollte.

Was tun? Der Teil meines Arbeitswegs von der Bonneweger Brücke in die Nei Avenue und zurück ist, hält man sich an den Code de la Route, für Radfahrer gefährlich – zu gefährlich, um dort sechs oder acht Mal die Woche zu fahren. Die Alternative aber führt über das CFL-Gelände, das ja neuerdings streng überwacht zu sein scheint. Möglicherweise ist es das Klügste und Sicherste für mich, das Fahrrad als Alltags-Verkehrsmittel aufzugeben. :-(

Vier Parteien, vier Reportagen

Uff! Mit den beiden Artikeln über den grünen Parteikongress und die LSAP-Osten-Wahlversammlung (woxx 1233+34) ist meine politische Reportagen-Tetralogie abgeschlossen. Schwupps sind auch schon die Wahlen da! Vorbei der harte Polit-Journalismus, den die Leserinnen und Leser zu Recht in den vergangenen zwei Monaten vom woxx-Team erwartet haben! Mehr Platz für Reportagen, die nicht so explizit politisch sind!

OK, je nachdem, 1155coverwie die Wahlen ausgehen, stimmt das natürlich nicht. Vielleicht kommt’s ja zu einer schwarz-grünen Koalition – nicht sehr wahrscheinlich, aber doch möglich. Politisches Neuland, und wohl auch eine innerparteiliche Kontroverse, da müsste die woxx natürlich Information und Analyse aus der ersten Reihe liefern.

Angefangen hatte die Tetralogie sowieso eher weich: Die Reportage über den Piratenkongress (woxx 1155), vor anderthalb Jahren, war ein Experiment. Von allen vier ist diese formal betrachtet sicherlich am nächsten an der klassischen Reportage – einerseits gab es ja viel Neues zu entdecken, andererseits hatte ich mir geschworen, die politischen Positionen für einmal nicht zu ernst zu nehmen.

Einen Monat später berichtete ich vom Déi-Lénk-Kongress (woxx 1160). Interessant war natürlich, dass am gleichen Tag die französischen Präsidentschaftswahlen stattfanden. Ich konnte also auch erzählen, wie die Teilnehmer abends an einem langen Tisch mit mehreren großen Schüsseln Spaghetti gemeinsam den Wahlausgang verfolgten. Und wie sie die durchwachsenen Ergebnisse ihres Wunschkandidaten Jean-Luc Mélenchon aufnahmen.

Vote 32 CROPPED 40pcDamals hatte ich schon entschieden, auch die beiden anderen, für die Zukunft linker Politik in Luxemburg interessanten Parteien in der gleichen Weise zu behandeln. Dazu kam es aus verschiedenen Gründen vor meinem China-Aufenthalt nicht mehr. Und als ich diesen Sommer zurückkam, war – anders als geplant – die Vorwahlzeit schon im Gange. Ich wollte mein Projekt trotzdem zu Ende bringen, auch aus dem Anspruch heraus, die maßgeblichen linken Parteien gleich zu behandeln. Auf der Suche nach geeigneten Events wurde ich fündig: Für die Grünen der Programmkongress, für die LSAP eine atypische Wahlversammlung.

1233cover Flucht nach vorn 21 25pcNicht verwunderlich ist allerdings, dass diese letzten zwei Artikel wesentlich politischer ausgefallen sind – so knapp vor den Wahlen reden Parteimitglieder anders, kontrollierter. Und ich selber fand es schwierig, meine Aufmerksamkeit auf das Konkrete, Lebendige zu richten – wie es die Reportageform verlangt – wenn da Dutzende interessante und kontroverse Ideen im Raum schwebten.

Im Falle des grünen Kongresses habe ich dennoch die klassische Form beibehalten: Die Kontextualisierung der Ideen und Diskussionen ist größtenteils in die Erzählung eingebettet. Bei der LSAP-Wahlversammlung war das lebendige Material zu dünn und mein Ärger über gewisse Punkte zu groß. Ich entschied mich dafür, an die Reportage eine Art Kommentar des Reporters anzuhängen. Rückblickend muss ich sagen, dass mir diese Form immer noch sinnvoller erscheint als die Option, in den Fluss der Reportage kommentarhafte Elemente einzubetten. Und nachdem ich den Text nochmals gelesen habe, bin ich mir sicher, dass diese Kommentare wirklich sein mussten.

1234 LSAP N Schmit erklaert 46 CROP 25pc

Spannend war es in allen vier Fällen, die Möglichkeiten der Reportage beim Schreiben über parteipolitische Events zu erkunden. Dabei habe ich meine Arbeit immer wieder mit den Theorien über die Reportageform und mit deutschen, französischen und englischen Vorbildern konfrontiert. Und jede Menge Verbesserungsmöglichkeiten und neue Ideen gesammelt. Ich hoffe, die Texte haben den woxx-Leserinnen und -Lesern Vergnügen bereitet. Ich bin jedenfalls entschlossen, weiterhin viel Arbeit in diese Form, an deren Ausdruckskraft ich glaube, zu investieren.