Steppenwolf – Anarchische Abendunterhaltung

Sonntag war Steppenwolf-Tag im Grand théâtre de la ville de Luxembourg. Eindrücke von einem meiner seltenen Theaterbesuche.

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Hat’s mir gefallen? Ja. War’s richtig gut? Nicht wirklich. Das Problem: Unterhaltsam ist die Aufführung für all jene, die das Buch – vor nicht allzu langer Zeit – gelesen haben. Wer aber einfach mal via Theaterabend den Steppenwolf beschnuppern will, ist verloren. So ist der Clash über das Goethe-Bild zwar sehr lustig (und mit Goethe-Statue) in Szene gesetzt, dürfte aber für Nicht-Leserinnen und -Leser unverständlich bleiben.

Nur für Verlesene

Als Nacherzählung funktioniert das Stück nicht – dass es besser geht, zeigt die gelungene Hörspielumsetzung aus den 1970ern (die allerdings drei statt anderthalb Stunden dauert). Im Stück werden dem Publikum Textfragmente, oft ohne narrativen Zusammenhang, um die Ohren gehauen. Schon die Einführung des Hauptcharakters ist wenig hilfreich – kaum mehr als ein vorgetragener Buchtext, über mehrere Stimmen verteilt. Das mag weniger langweilig sein als nur einen Erzähler zu haben, wirkt aber vor allem verwirrend.

Staubsauger statt Foxtrott

Bedauerlich auch, dass Harry Hallers innere Entwicklung vom Mozart-Verehrer zum Foxtrott-Tänzer kaum thematisiert und dargestellt wird. Da hätte man lieber auf die amüsante aber konfuse Slapstick-Einlage mit “DDR-Staubsauger” verzichtet. Auch Hermines Rolle fällt im Stück etwas ab gegenüber dem Buch, sowohl aufgrund der szenischen Umsetzung als auch der Besetzung. Hermine als engelhafte Botin der “Unsterblichen”, diese mögliche Deutung der Romanhandlung funktioniert jedenfalls nicht mehr. Überhaupt ist die schauspielerische Leistung eher Mittelmaß – richtig überzeugen können nur Catherine Elsen als Maria und Barbara Ullmann als Tierbändigerin.

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“Der Weg in die Unschuld, ins Unerschaffene, zu Gott führt nicht zurück, sondern vorwärts, nicht zum Wolf oder Kind, sondern immer weiter in die Schuld, immer tiefer in die Menschwerdung hinein.” (Traktat vom Steppenwolf)

An Ideen mangelt es der Inszenierung dagegen nicht. Die junge Regisseurin Anna-Elisabeth Frick stellt die gespaltene Persönlichkeit Harry Hallers dar, indem sie ihn von einem Schauspieler und einem Mimen parallel spielen lässt. Die Pantomime- und Tanzeinlagen bieten dem Publikum über den Unterhaltungswert hinaus Zeit zum Atemholen und Nachdenken. Auch die Auftritte des leibhaftigen Goethe haben Drive. Die größte Herausforderung an eine szenische Umsetzung der Romanvorlage – das magische Theater – wird ebenfalls auf sinnvolle Weise angegangen.

Lebensweisheit über Weltweisheit

Alles in allem lohnt es sich, sich das Stück anzusehen (das in Trier nochmal am 15. April aufgeführt wird) – vorausgesetzt, man kennt das Buch.  Gemessen an der Schwierigkeit der Aufgabe, diesen trockenen und zugleich verrückten Roman auf die Bühne zu bringen, ist das Ergebnis korrekt. Die darin enthaltene Lebensweisheit wird stärker gewichtet als die “Weltweisheit” – was meinem derzeitigen Geschmack entgegenkommt. Immerhin finden sich über das Stück verstreut zahlreiche Anspielungen auf tiefere Gedankengänge und Gefühle – aber eben nur Anspielungen.

Für mich liegt in der Inszenierung Potenzial für etwas Schlüssigeres: Hätte sich die Regisseurin konsequenter für eine von der Erzählung losgelöste Umsetzung entschieden – so eine Art “Szenen aus dem Leben des Steppenwolfs” -, das Ergebnis wäre überzeugender ausgefallen.

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