Documenta 14, Skandal 175

Kann man die europäische Flüchtlingspolitik mit dem Holocaust vergleichen? Keine Antwort, aber ein paar Überlegungen zu einer zweifelhaften Frage.

“Documenta schämt sich”, titelte die Süddeutsche am Dienstag. Die Kunstausstellung in Kassel hatte eine Performance abgesetzt, die für scharfe Kritik – und viel Medienaufmerksamkeit – gesorgt hatte. Name: “Auschwitz on the Beach” Thema: Kritik an der europäischen Flüchtlingspolitik im Mittelmeer.

Sich schämen für Holocaust-Vergleich?

Im Artikel erfährt man immerhin, dass die Documenta-Verantwortlichen sich nicht wirklich schämen, weil sie nämlich den Vorwurf, sie wollten Holocaust und Flüchtlingssterben auf eine Stufe stellen, nicht gelten lassen. Zwar haben sie die ersatzweise für heute Donnerstag vorgesehene Diskussionsveranstaltung “Shame on Us” getauft, doch “beziehe sich [dieser] auf viele Protest-Zuschriften, die mit diesem Satz enden, ‘aber auch auf Franco ,Bifo’ Berardis These, der zufolge wir uns eher für die Gewalt und nekropolitischen Techniken der europäischen Regierungen im Umgang mit dem Strom der Geflüchteten und Migrantinnen schämen sollten’”.

Sondernummer der Zeitschrift ART zur Documenta (Juni), vor dem ICE-Bahnhof Kassel.

Schämen also, für das Eine oder das andere? Meine Reaktion wäre eher Kopfschütteln über den Rückgriff auf den Holocaust-Vergleich. Schließlich funktioniert ja nicht einmal der Vergleich der “Festung Europa” mit der deutsch-deutschen Mauer so richtig: gewiss, zur Flüchtlings-Abwehr erbaut und todbringend – aber als Mauer nach innen und mit Schießbefehl, beides Eigenschaften, welche die europäische Flüchtlingspolitik bisher höchstens als Projekt beinhaltet.

Berardi, Kassel und Auschwitz

Was soll also die Holocaust-Keule in der Diskussion? Der ganze Skandal ist umso bedauerlicher als die Documenta daneben durchaus subtile Denkanstöße liefert. Zum Beispiel den auf der Fassade des Fridericianum angebrachten Spruch “Being safe is scary”.

Kluge und wohlwollende Kritik kommt von von Kolja Reichert in der FAZ, der Franco Berardi, den Autor des der Performance zugrunde liegenden Texts, zitiert: “Ich habe lange gezögert, diese Worte zu schreiben, denn ich bin mir bewusst, dass der Name von Auschwitz nicht sinnlos vergeudet werden darf (…) Am Ende entschied ich, dass wir sagen müssen, was wir sehen: Das Unmenschliche ist zurück.” Und kommentiert: “Unmenschliches waltet tatsächlich am Mittelmeer. ‘Das Unmenschliche’ aber ist ein Gespenst philosophischer Abstraktion, das niemandem hilft, der aufgrund präziser Analyse eine Änderung realer Politik herbeiführen möchte.”

Keine EU-Gauleiter

Präzise Analyse. Wendet man sie auf den Vergleich an, versucht man, die Unterschiede zu explizitieren, so findet man mehr Ähnlichkeit als erwartet. Das liegt an der Vorgehensweise und macht die Parallele Auschwitz-Mittelmeer keineswegs plausibler.

Erster Unterschied: Der Holocaust war auf die gezielte Ermordung der Juden ausgerichtet. Das kann man der EU nicht anhängen, und nicht einmal die “Gauleiter in der Türkei, Libyen, Ägypten und Israel” (Berardi) betreiben eine gezielte Ermordung. (Dass Berardi ohne ersichtliche Logik Ägypten und Israel aufzählt, Israel dann bei der Ankündigung der Performance weggelassen wurde, deutet für mich auf einen Schnellschuss des Aktivisten und seiner Förderer hin. Andere mögen darin Antisemitismus erkennen, für den es aber an keiner anderen Stelle des Textes einen Hinweis gibt).

Es sei hinzugefügt, dass der Übergang von der Judenverfolgung und -vertreibung zur Judenvernichtung in Nazideutschland erst während des Kriegs erfolgte. Wie unser liberale Selbstverständnis bereits erschüttert wird von den militärtechnischen “Nadelstichen”, die den Westen im Rahmen des nicht erklärten Krieges “War on Terror” treffen, das stimmt mich dann doch nachdenklich.

Irrationalität damals und heute

Zweitens: Der Antisemitismus der Nazis war etwas anderes als der heutige Wunsch, Migranten abzuwehren. Punkt. Aber nicht ohne daran zu denken: Auch die Xenophobie hat – über das allzu menschliche und nicht einmal irrationale Misstrauen vor dem Fremden hinaus – eine alte und blutige Geschichte.

Drittens: Die Logik des Holocaust entspringt einer rassistischen und faschistischen Ideologie – also dem genauen Gegenteil der liberalen politischen Grundlagen unseres Systems. Im Prinzip. Aber ist die scheinbar rational begründbare Ungleichbehandlung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft wirklich moralisch akzeptabler als der irrationale Rassismus? Und steht sie etwa nicht im Widerspruch zu den liberalen Werten, ja, sogar zur wirtschaftsliberalen Logik der Meritokratie? (Von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ganz zu schweigen.)

Die Rationalität der strikten Begrenzung von Einwanderung ist nicht einmal wirtschaftlich haltbar auf einem Kontinent, der durch eine starke Zuwanderung viel gewinnen könnte. Und der die Mittel hätte, eine erfolgreiche Integrationspolitik zusätzlich zu einer sozialen Kohäsionspolitik zu betreiben. Sind es nicht die Entscheidungen von Teilen der politischen Elite gegen den Sozialstaat und für die Xenophobie, welche zutiefst irrational sind?

Mittelmeer und extreme Entrüstung

Viertens: Betrachtet man das Ganze aus der Ferne, so fällt der Blick auf einen letzten, wenig thematisierten Unterschied. Er bewirkt, dass für viele Beobachter Berardis Parallele plausibel und unplausibel zugleich erscheint. Die Möglichkeit, die Entrüstung über das, was im Mittelmeer passiert, mit jener über den Holocaust zu assoziieren, ergibt sich nicht aus dem absolut betrachteten Leiden der Opfer, sondern aus diesem, relativ betrachtet zum Standard, an dem man die Täter misst.

Anders gesagt: Vermutlich wird die Menschheit in fünfzig oder hundert Jahren das Verhalten der EU rückblickend als verbrecherich ansehen. Aber dieses große Massaker im Mittelmeer ist nicht zu vergleichen mit dem Holocaust, vielleicht nicht einmal mit den zahlreichen “ganz normalen” Verbrechen Nazideutschlands. Was es bemerkenswert macht, ist, dass es von einem Staatenbund verantwortet wird, der sich Humanismus und Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben hat. In ähnlichem Sinne wie die Verbrechen der jungen amerikanischen Demokratie an Sklaven und Indianern bemerkenswert sind, ohne als einzigartig bezeichnet werden zu können.

Man kann sich eine spannende Diskussion im Sinne der vorhergehenden Punkte vorstellen. Ob sie wohl auf der Documenta oder in den Mainstream-Medien stattfinden wird?

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Steppenwolf – Anarchische Abendunterhaltung

Sonntag war Steppenwolf-Tag im Grand théâtre de la ville de Luxembourg. Eindrücke von einem meiner seltenen Theaterbesuche.

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Hat’s mir gefallen? Ja. War’s richtig gut? Nicht wirklich. Das Problem: Unterhaltsam ist die Aufführung für all jene, die das Buch – vor nicht allzu langer Zeit – gelesen haben. Wer aber einfach mal via Theaterabend den Steppenwolf beschnuppern will, ist verloren. So ist der Clash über das Goethe-Bild zwar sehr lustig (und mit Goethe-Statue) in Szene gesetzt, dürfte aber für Nicht-Leserinnen und -Leser unverständlich bleiben.

Nur für Verlesene

Als Nacherzählung funktioniert das Stück nicht – dass es besser geht, zeigt die gelungene Hörspielumsetzung aus den 1970ern (die allerdings drei statt anderthalb Stunden dauert). Im Stück werden dem Publikum Textfragmente, oft ohne narrativen Zusammenhang, um die Ohren gehauen. Schon die Einführung des Hauptcharakters ist wenig hilfreich – kaum mehr als ein vorgetragener Buchtext, über mehrere Stimmen verteilt. Das mag weniger langweilig sein als nur einen Erzähler zu haben, wirkt aber vor allem verwirrend.

Staubsauger statt Foxtrott

Bedauerlich auch, dass Harry Hallers innere Entwicklung vom Mozart-Verehrer zum Foxtrott-Tänzer kaum thematisiert und dargestellt wird. Da hätte man lieber auf die amüsante aber konfuse Slapstick-Einlage mit “DDR-Staubsauger” verzichtet. Auch Hermines Rolle fällt im Stück etwas ab gegenüber dem Buch, sowohl aufgrund der szenischen Umsetzung als auch der Besetzung. Hermine als engelhafte Botin der “Unsterblichen”, diese mögliche Deutung der Romanhandlung funktioniert jedenfalls nicht mehr. Überhaupt ist die schauspielerische Leistung eher Mittelmaß – richtig überzeugen können nur Catherine Elsen als Maria und Barbara Ullmann als Tierbändigerin.

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“Der Weg in die Unschuld, ins Unerschaffene, zu Gott führt nicht zurück, sondern vorwärts, nicht zum Wolf oder Kind, sondern immer weiter in die Schuld, immer tiefer in die Menschwerdung hinein.” (Traktat vom Steppenwolf)

An Ideen mangelt es der Inszenierung dagegen nicht. Die junge Regisseurin Anna-Elisabeth Frick stellt die gespaltene Persönlichkeit Harry Hallers dar, indem sie ihn von einem Schauspieler und einem Mimen parallel spielen lässt. Die Pantomime- und Tanzeinlagen bieten dem Publikum über den Unterhaltungswert hinaus Zeit zum Atemholen und Nachdenken. Auch die Auftritte des leibhaftigen Goethe haben Drive. Die größte Herausforderung an eine szenische Umsetzung der Romanvorlage – das magische Theater – wird ebenfalls auf sinnvolle Weise angegangen.

Lebensweisheit über Weltweisheit

Alles in allem lohnt es sich, sich das Stück anzusehen (das in Trier nochmal am 15. April aufgeführt wird) – vorausgesetzt, man kennt das Buch.  Gemessen an der Schwierigkeit der Aufgabe, diesen trockenen und zugleich verrückten Roman auf die Bühne zu bringen, ist das Ergebnis korrekt. Die darin enthaltene Lebensweisheit wird stärker gewichtet als die “Weltweisheit” – was meinem derzeitigen Geschmack entgegenkommt. Immerhin finden sich über das Stück verstreut zahlreiche Anspielungen auf tiefere Gedankengänge und Gefühle – aber eben nur Anspielungen.

Für mich liegt in der Inszenierung Potenzial für etwas Schlüssigeres: Hätte sich die Regisseurin konsequenter für eine von der Erzählung losgelöste Umsetzung entschieden – so eine Art “Szenen aus dem Leben des Steppenwolfs” -, das Ergebnis wäre überzeugender ausgefallen.

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