Was L’Arpeggiata in der Philharmonie mit Alter Musik anstellt und wie aus Purcell Jazz wird

Wiedererwecken, aber wie?

“Ver-jazzen”, das war im Munde meines Vaters kein Lob, wenn er damit die musikalischen Unternehmungen eines James Last beschrieb. Nachdem ich als junger Kerl Eugen Cicero gehört hatte, lehnte ich mich auf und fand Gefallen an Versuchen, Melodien der Klassik zum Anlass für Ausflüge in Jazz-Variationen zu nehmen. Dass ein solches Unterfangen aber Eingang ins – sonst recht puristische – Alte-Musik-Abo der Luxemburger Philharmonie findet, ist eine Meldung wert.

Ja, es stimmt, bei der Alten Musik gibt es neben den Puristen immer mehr Dilettanten – im Sinne von dilettare, sich amüsieren. In meiner CD-Sammlung finden sich mehrere Beispiele, ich nenne hier nur den sehr talentierten Rolf Lislevand, dessen Alte-Musik-Variationen weniger in Richtung Jazz als Trance gehen.

Purcell für Jazz-Klarinette !?

Meine CD-Ausbeite. Auf den Fotos: Vincenzo Capezzuto, Christina Pluhar, Núria Rial.

Meine CD-Ausbeite. Auf den Fotos: Vincenzo Capezzuto, Christina Pluhar, Núria Rial.

Die Theorbe-Spielerin Christina Pluhar und ihr Ensemble L’Arpeggiata haben als Puristen angefangen, wovon zahlreiche CDs zeugen. Doch am Dienstagabend standen auf der Bühne: Cembalo und Klavier, Theorbe und E-Gitarre, ein alter Zink (Cornetto) und eine moderne Bassklarinette … sowie zwei Perkussions-Sets. Unkonventionell. Unter den 13 Musikern fanden sich 5 Bärte und ein Drei-Tage-Bart (auf 9 Männern), nur eine Krawatte, dafür aber eine karierte Schieberkappe sowie eine Reggaemütze. Und: sehr viele Mikrofone, denn die Musik gelangte über den Umweg der elektrischen Soundinstallation im großen Saal der Phil’ in die Ohren der Zuhörer – weshalb auch die gesamte Sitzreihe 10 mit Mischpulten und Computern belegt war.

Núria Rial, Soprano for a while

Alte Musik zu neuem Leben erwecken – das versucht das Ensemble L’Arpeggiata seit einiger Zeit. Das klingt sicher besser als “ver-jazzen”, ist aber keine leichte Aufgabe, insbesondere bei so anspruchsvoller Musik wie der von Henry Purcell. Als Núria Rial, bekannt für klassische Interpretationen der Alten Musik, “Music for a while” vortrug, hatte man das Gefühl, der Gesang hinke dem Swing der Begleitung hinterher. Besonders gelungen fand ich dagegen “Ah! Belinda”, wo die Jazz-Verzierungen den Gesang sehr dezent untermalten, um dann in einer instrumentalen Einlage in den Vordergrund zu treten. So zurückhaltend wie das Auftreten der Sängerin war auch ihr schwarzes Kleid: Sie stand da mit einem goldig glitzernden Liederbüchlein in der Hand und einem leisen Lächeln, als sei dies ein Sommerfest und kein Abonnementkonzert.

Anders der männliche Solist, Vincenzo Capezzuto: In schwarzer Weste und weißem Hemd tänzelte er auf die Bühne, untermalte seinen Vortrag mit weiten, schnellen Gesten und ausdrucksvoller Mimik. “I cannot, cannot, cannot, wonnot, wonnot buckle too”, der Refrain eines der flotteren Lieder, schoss mit Volldampf aus ihm heraus – hier hinkte nichts hinterher.

Vincenzo tanzt den Capezzuto

Die beiden Sänger wechselten sich ab. Rials Einsätze gefielen mir mal so, mal so: Manche langsamen Stücke zeigten sich in neuem Licht, zum Beispiel durch den Dialog von Sopranstimme und jazzig gespieltem Zink in “Didos Klage”. Bei anderen, wie “Strike the viol” allerdings wollten die introvertiereten Linien des Gesangs einfach nicht zur Jazz-Begleitung passen.

Mischpulte und Musiker.

Mischpulte und Musiker.

Was die Jazz-Einlagen angeht, so fand ich das Ganze richtig gelungen. Nun ist das Procedere, klassischen Melodien als Ausgangsmaterial für Jazz zu nehmen, nicht besonders innovativ. Deshalb haben mir besonders die origineller gestalteten Stücke gefallen. “Zu neuem Leben erwecken” funktioniert manchmal am besten durch drastische Eingriffe, zum Beispiel bei “Wondrous machine!”, das Capezzuto so vortrug, dass man nicht wusste, ob es sich um alte oder neue Musik handel. Ich vermute, ohne das Original zu kennen, dass er, wenn schon nicht der Partitur, so doch dem Geist des Stücks gerecht wurde.

Von Unplugged bis Hallelujah

Bei den Zugaben ließ das Ensemble dann alle Zurückhaltung fahren und amüsierte sich beim Drauflos-Musizieren mindestens so gut wie das Publikum. Zuerst ein italienischer Tanz – von Capezzuto auch als solcher interpretiert – mit einer überraschenden Rap-Einlage vom Cornetto-Spieler. Und schließlich “Hallelujah” von Leonard Cohen zum Mitsingen fürs Publikum – und wohl auch, um uns daran zu erinnern, dass für ausgebildete klassische Musiker der Übergang zum Pop ein Klacks ist.

Die Bilanz: ein unterhaltsamer Abend, zumindest wenn man einen Sinn für Jazz hat. Andererseits zeigte sich bei einem Stück wie “The Plaint” meines Erachtens die Grenze des Sinnvollen. Nicht wirklich “verjazzt”, nur elektronisch verstärkte akustische Instrumente – das, was man im Pop unplugged nennt. Nur dass ich ihnen hier am liebsten wirklich den Stecker aus dem Verstärker gezogen hätte, um die Verletzlichkeit der Violinklänge und der Stimme wiederzuhaben, von der dieses Stück lebt.

Ich würde das Konzert gewiss wieder buchen, noch lieber aber würde ich mir anhören, wie Rial, Capezzuto und der harte Kern von L’Arpeggiata Purcell ganz ohne Elektronik interpretieren.

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One thought on “Was L’Arpeggiata in der Philharmonie mit Alter Musik anstellt und wie aus Purcell Jazz wird

  1. Pingback: Núria Rial unplugged | … wird richtiger

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